Ein Hauch von Untergrund und Anarchie – Telegram macht Spaß

Screenshot der Telegram-Website mit den ausführlichen FAQ, die quasi die AGB ersetzen
Screenshot der Telegram-Website mit den ausführlichen FAQ, die quasi die AGB ersetzen

Im ersten Teil unserer subjektiven, überzeugenden Schilderung der Vorzüge des Messengers Telegram beschrieben wir den Dienst als flexibles Werkzeug, auch nutzbar auf Linux-Desktops, und als tendenziellen schnellen und komfortbablen E-Mail-Ersatz.

Wir riefen indirekt dazu auf, den Kollegen- und Bekanntenkreis von Telegram überzeugen. Das taten Kollegen und Freunde in unseren Kreisen auch, mit dem Aufhänger des Gerichtsurteils gegen Whatsapp, seine AGBs und Datenregeln in Deutsch und lesbarer Weise zu veröffentlichen.

Doch wer ein wenig recherchiert, wird merken, dass sich auf der Telegram-Website überhaupt keine AGB finden, nicht einmal ein Impressum oder eine Kontaktanschrift. Das kann man befremdlich finden und wenig vertrauensbildend.

Warum also nicht doch zu Whatsapp wechseln, oder besser: Signal?

Der gewichtige Vorteil von Telegram ist tatsächlich das synchrone Benutzen auf mehreren Geräten und die hervorragende Entwicklungsgeschwindigkeit aller Apps auf jeder Plattform. Ohne diese Vorteile ist die Anwendung prinzipiell nicht viel besser oder schlechter als die zig anderen Messenger, die im Moment mit Verschlüsselung um ihre Gunst werben.

Wer die Entwicklung von Telegram in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, kann dem Dienst eine faszinierende Entwicklungsgeschwindigkeit nicht absprechen. Das Netzwerk, was zum Aufbau und Betrieb von Telegram in kürzester Zeit aufgebaut wurde und auch die Innovationsbereitschaft sind beachtlich. Einige wenige Leute, so scheint es, sichern den Betrieb und koordinieren die Entwicklung – der Telegram-Grafiker twitterte vor einiger Zeit, die Anwendung sei sogar erst zu 20 % fertig gestellt.

Auch stellt Telegram sehr viele praktische Funktionen in Aussicht. So munkelt man, es sei eine Verbindung mit Kryptowährungen wie Bitcoin in Arbeit.

Und in den letzten Aktualisierungen kamen tolle Funktionen hinzu:

  • Kanäle, die man abonnieren kann, öffentlich oder nur privat für ausgewählte Teilnehmer: Teilen Sie Inhalte unidirektional, nur zum Lesen.
  • Live-Standorte sind für die Gruppenkoordination oder für Verabredungen/Treffen ideal.
  • Verschlüsselte, hochqualitative Telefonie untereinander funktioniert sogar in langsamen Datennetzen und geht nicht auf die Inklusivminuten des Handytarifs.
  • Das Versenden von mehreren Fotos als Alben (mit sortierbaren Bildern) räumt Chats auf und bündelt Fotos thematisch.
  • Viele Verbesserungen, die den alltäglichen Arbeitsablauf vereinfachen, kommen hinzu, wie das Kennzeichnen von Antworten oder namentlichen Erwähnungen in Gruppen.

Aber wieso soll man »den Durovs« vertrauen?

Pavel Durov, 2013 in Berlin (CC BY 2.0: TechCrunch)
Pavel Durov, 2013 in Berlin
(CC BY 2.0: TechCrunch)

Wer weitersucht, stößt im Netz auf diverse Bewertungen und Details von Verbraucherschützern und Redaktionen von Computerzeitschriften, in denen Telegram nur wenig besser weg kommt als Whatsapp. So ist das verborgene und undurchsichtige Geschäftsgebaren der reichen russischen Durov-Brüder ein mächtiges Negativum, das bei manchem hängen bleibt – neben dem zweiten, der Unklarheit, in welchem Teil der Erde eigentlich die Telegram-Server mit all den Daten wohl stehen mögen.

Wer die »Machenschaften« – so kann man die kaum durchschaubaren Geschäfte nennen – der finanzgewaltigen Durovs schon etwas länger beobachtet, merkt, dass sie es immer wieder geschafft haben, die Sympathischsten zu sein – subjektiv natürlich.

Wer aus Russland abhaut, weil er dem System dort ein Dorn im Auge ist, und wer privat (und auch für den eigenen Zweck) ein Messenger-System aufbaut, dem er vertraut, der ist einer progressiv-modernen Sichtweise nach erst mal sympathischer als profitorientierte Firmen, die hinter den anderen Messengern stecken.

Telegram selbst ist offiziell eine kleine Firma in Berlin – wo die Durovs arbeiten und wer die Geschicke mit ihnen gemeinsam lenkt, weiß niemand. Die großen Medien suchen und tadeln, eben weil es nur wenig Handhabbares gibt, weil Telegram vielleicht auch einen leichten Hauch von Untergrund und Anarchie anhaftet. Am Ende ist uns das für den Einsatz im beruflichen und privaten Alltag immer noch lieber gewesen, als rechtlich im Sinne des Betreibers optimierte AGB und ein großer Firmensitz.

Man erhält bei Telegram sogar einen hervorragenden Support via Twitter und in Telegram selbst, das können viele andere Anbieter nicht.

Ganz aktuell haben Sie den Medien entnehmen können, dass Russland Telegram gesperrt hat (auch wenn das Vorhaben teilweise scheiterte), vorher taten es andere Länder mit »kritischen Regierungen« auch. Telegram will Behörden keine Einblicke in die Chats geben, ist der Hauptgrund.

Es ist also etwas dran, an Telegram: Es ist weit verbreitet, schnell, einfach und anscheinend sehr sicher.

Ein Werkzeug, das Spaß macht

Dazu kommen von Telegram ausgerichtete Wettbewerbe, die die Stärke der Verschlüsselung zeigen sollen, die Kreativität im Grafischen und bei neuen Anwendungsmöglichkeiten (z. B. Bots) ankurbeln – das alles macht unterm Strich sogar sehr viel Spaß. Telegram genießt unter Kreativen und unkonventionellen IT-Fachleuten einen guten Ruf, eben weil das alles trotz der undurchsichtigen Strukturen reibungslos läuft und man bei den wesentlichen Dingen keine Geheimnisse vor dem Benutzer hat.

Das trägt auch dazu bei, dass unser Bauchgefühl uns zu Telegram geführt hat. Wir trauen dem Dienst letztendlich einfach am Meisten. Wenn man sich den regelmäßigen Datenklau bei Sony, Yahoo, LinkedIn usw. ansieht, dann spielt etwas Offizielles auf dem Papier weitaus weniger eine Rolle, als man glauben mag. Die sehr geschätzte EFF bewertet Telegram sogar allgemein sehr gut.

Nutzt man Telegram intensiv, hebt sich der Dienst mit seinen Apps zudem sehr von seinen Konkurrenten ab. Die Benutzbarkeit der Anwendungen ist grandios, sie sind tolle Werkzeuge:

Da gibt es eine Linkvorschau, einen integrierte MP3-Player, eine automatisch erzeugte kompakte Videovorschau für Youtube, Twitter, Vimeo usw., die Volltextsuche, das einfache Weiterleiten von Inhalten, viele tolle Antwort- und Korrekturmöglichkeiten, das Konvertieren von GIFs zu platzsparenden Videos, die Bilder- bzw. Mediengalerie, eine Link- und Dateiübersicht, Sprachnachrichten und vieles mehr.

Sogar Facebook- und Instagram-Links kann man als Vorschau sehen, durch Alben durchblättern, ohne in den Browser wechseln zu müssen. Es sind Textauszüge von Inhalten hinter Links lesbar, beim klick auf einen Link kann man sich auch eine sehr schnelle, auf Lesbarkeit optimierte Schnellansicht anzeigen lassen.

Auf Arbeitsgeräten, wie iPhone oder iPad, ist Telegram tief in das System integriert, unter macOS ebenso. Über ganz wenige Schritte können Texte, Bilder und Dateien an Telegram geschickt oder von Telegram an andere Anwendungen übermittelt werden.

Telegram hat keine AGB

Man kann die FAQ auf der Telegram-Website auch als eine Art AGB sehen, die eingehalten werden müssen – auch wenn diese nicht ausdrücklich als Nutzungs- oder Geschäftsbedingungen benannt sind. AGB sind letztendlich nichts weiter als Text, ohne besondere rechtliche Gewichtung gegenüber anderen Texten, die jederzeit geändert werden können und keine besonderen dauerhaften Sicherheiten bieten. Das Wichtigste wird dort erklärt, Telegram bleibt kostenlos, Daten werden nicht ausgewertet:

Telegram ist ein nicht-kommerzielles Projekt mit dem Ziel, einen absolut kostenfreien Messenger für Jedermann anzubieten, ohne die sonst üblichen Einschränkungen. Wir konzentrieren uns auf echte Privatsphäreangelegenheiten und möchten Nutzer nicht mit unsinnigen Einstellungen irritieren, welche im Endeffekt keine Sicherheit bieten.
aus den Telegram-FAQ

Wir beobachten Telegram sorgsam und handhaben es genau so bedacht wie andere Online-Dienste auch, wie die vielen weiteren Programme und Apps, die wir installieren und benutzen. Deren Nutzungsbedingungen lesen sich nicht so gut wie die von Telegram. Wir sind gespannt!

(Teil 1: Warum Telegram unser Büro aufgeräumt hat, und nicht Whatsapp)