Kleine Härchen an der Karotte

Für einen Raum eine Auswahl an Bildern zu treffen, ist mit vielen Überlegungen verbunden. Das haben wir gemerkt, als wir unser Raumkonzept für die Neugestaltung des Speisesaals im Sozial-Center Kassel entwickelt haben.

Um den Raum mit sinnlich-gedanklichem Inhalt zu füllen, ihn eine Geschichte erzählen zu lassen, haben wir Fotomotive (die 70 x 50 cm groß und für lange Haltbarkeit und unbeschreibliche Farbbrillanz direkt hinter Acrylglas gedruckt wurden) in die Gestaltung einbezogen.


Auswahlkriterien waren die Farbvielfalt, Detailaufnahmen von heimischen Obst- und Gemüsesorten und das Verhältnis von Obst zu Gemüse: rote Tomaten, orange Karotten, grüne Erbsen und hellbraune Kartoffeln als Vertreter der Gemüse sowie schwarze Brombeeren, rosarote Himbeeren, blaue Heidelbeeren und rötlich-grüne Birnen aus der Obstfraktion.

Die Fotos fanden ihren Platz oberhalb der schalldämmenden Wandelemente, die die Wände des Raums strukturieren und gliedern.

Wieso haben wir nun aber genau diese Fotos gemacht?

Einerseits zielt die Auswahl darauf ab, möglichst viele verschiedene und kräftige Farben abzubilden, die den Raum lebendig wirken lassen. Andererseits dürfen sich die Motive nicht mit dem Buchenholzmobiliar beißen und müssen gemeinsam mit ihm gegen eine weiße Wand und einen grünen Boden bestehen.

Vor allem aber: Die Bildauswahl soll eine Geschichte erzählen!

Die vagen und überwiegend einfarbigen Detailfotos von Obst und Gemüse erzählen lange, vielschichtige Geschichten – das mag man kaum glauben, doch wo man auf den ersten Blick nur kräftige Farbmuster erkennt, entdeckt man bei genauem Hinsehen Obst und Gemüse.

Bildanordnung Sozial-Center KasselDamit geht das Entdecken los, man kann sich in Details verlieren: Das Interesse ist geweckt, herauszufinden, welche Früchte sich hinter welcher Farbe verbergen. Was erst nicht aufgefallen ist, wird nach und nach erkundet und bietet einen Aha!-Effekt: Einfache Karotten, Äpfel oder Kartoffeln, sind auf einmal interessant geworden, oder die hochglänzende hubbelige Oberfläche der Brombeere wurde zuvor vielleicht nie beachtet.

Alltagsfrüchte werden auf einmal interessant, weil die Beschaffenheit von Alltäglichem einen ästhetischen Wert bekommt. Kleine Härchen an der Karotte sind auf einmal wichtig, denn ohne diese wäre die Karotte eben keine solche. Das Einfache wird zum Komplexen: Unsere Zusammenstellung aus heimischen Früchten bestimmt die Wirkung des gesamten Raums.

Deshalb haben wir auch keine Mangos, Papayas oder Kokosnüsse fotografiert – Exoten sind, wie der Name schon verrät, von Natur aus exotisch, etwas Besonderes. Birnen oder Erbsen kennt jeder seit der Kindheit, sie kommen von hier, man verbindet etwas mit ihnen.

Und das sind nur wenige Geschichten, die der Betrachter in diesen Bildern entdecken kann. Man könnte zusätzlich noch längliche und runde Formen vergleichen, Ausschnitte von einem Ganzen und Bilder von vielen Kleinen sehen, matte und glänzende Oberflächen, Blüten- und Stielansätze … und so weiter.

Gesamter Raum Sozial-Center Kassel
Der Raum wird so schnell also nicht langweilig, und im Ganzen gesehen machen wir dort vielleicht sogar Picknick: Auf der grünen Wiese, zwischen Bäumen, die bunte Früchte tragen, unter der Sonne (grüner Boden – Buchenholzmöbel – Früchtefotos – hell-warme Deckenbeleuchtung).

Making-of

Umbau SpeisesaalZuletzt noch ein Blick zurück, erst ein kleines bisschen: Der Umbau war staubig und laut, wie er bei einer umfangreiche Renovierung eben sein soll. Dabei wurde am Raum selber kaum etwas verändert, einzig die Elektrik wurde für die neue Beleuchtung umfangreich angepasst. Der Rest waren Arbeiten der Schönheit wegen und Einbauten neuer Möbel – mit Dank an die Schreinerei Bürger & Sohn, die unsere Entwürfe erstklassig umgesetzt hat.

Und natürlich der Blick ganz weit zurück – Ausgangszustand:

Alt-Raumansicht Speisesaal